Liebes Tagebuch,

letztes Wochenende wurde mir die große Ehre zuteil, zusammen mit dem Team Titanic auf der imaginären MS Hackevoll Richtung Grosspösna und dem Highfield Festival zu schippern. Die Besatzung  bestand aus über 30 wunderbaren Menschen, von denen viele Southside-Überlebende waren wie ich und darauf hofften, dass es dieses mal beim Zu- statt Absaufen blieb. Und leck mich fett, war das ein legendäres Wochenende!

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Donnerstag: Große Gefühle und Camp-Kultur

Nach einer ausnahmsweise mal unkomplizierten Anreise per Zug kamen ich und mein Kumpel/Konzert-Buddy am Festivalgelände an. Es folgte eine mühsame Wanderung durch die unterschiedlichsten Geozonen des Outfields (Spätankommer-Prärie, die Wüste Gobi, Bollerwagen-Killer-Hügel) durch die wir verstaubt und verschwitzt das gelobte Land a.k.a das Camp erreichten. An dieser Stelle fette Props an alle diejenigen aus dem Team, die sich schon viele Stunden vorher auf einem Rastplatz getroffen haben und zusammen den wohl besten Spot reserviert haben, den man sich vorstellen konnte. Nur wenige Laufminuten vom Einlass zum Infield, diversen Essensständen und den Duschen entfernt und mit bestem Blick auf die Hauptbühne. In faulen Momenten und/oder mit ordentlichem Pegel konnten so unwichtigere Bands auch aus dem gemütlichen Campingstuhl genossen werden.

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           1 ziemlich naiser Ausblick vong Geilheit her

Gegen Abend hatten sich dann alle eingefunden, eingenistet und nach einem etwas holprigen Start des gemeinsamen Abendessens („Hat jetzt ernsthaft niemand einen Grill mitgebracht?“ *Blick auf dutzende Kilos abgepackten Fleisches und sonstige schnell verderbliche Nahrung*) wartete schon das erste  Highlight: Eine Lesung aus Joseph von Eichendorffs „Das Marmorbild“. Gebannt wurde in einem Stuhlkreis der großen Dichtkunst gelauscht, während der restliche Pöbel aus der Nachbarschaft den niederen Bespaßungen des Lebens fröhnte. Auf Wunsch des Rezitierenden kamen viele Damen und Herren der Bitte nach, in Kleid bzw. feinem Zwirn zu erscheinen. Zudem entsprach es dem Dresscode, dass sich der männliche Teil unterhalb des Gürtels bis auf die gute alte Unterbuxe ausziehen sollte. Die Geschichtsbücher werden noch von diesem gesellschaftlichen Ereignis berichten.

Vervollständigt wurde die Lesung durch die erste von vielen Aufführungen der Großen Gefühle™, die in einem Grande Finale mit Celine Dions My Heart Will Go On und einer perfekt gezündeten Konfettikanone gekrönt wurde. Noch nie wurde dieser Song mit so viel Inbrunst und aus ganzem Herzen gesungen wie an diesem Abend. Die Afterparty fand dann auf dem Hauptweg und mit aufgedrehter Anlage statt, die jedoch aufgrund von kollektiven Gedächtnislücken nur geringfügig rekonstuiert werden kann.

Freitag: Alles wird guter mit Scooter

Wie könnte man den ersten Festivaltag besser beginnen als mit ein wenig Morgensport? Schnell die erste Dose Frühstück getrunken und dann hieß es auch schon „Fit mit McFitti“. Ostkreuz, Skifahren und der Roflcopter – mit diesen Aerobic-Übungen vertreibt man den Kater besser als mit jedem Konterbier (und sieht dabei außerdem noch verdammt sexy aus).

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Einmal Jugend-Flashbacks mit Staub, bitte!

Am Nachmittag gab es dann endlich die ersten Bands zu sehen. Zuvor noch schnell zur Abkühlung in den Störmthaler See gehüpft, nur um sich dann bei Sum 41 zustauben zu lassen. Aber hey, bei so einer Stimmung fliegen nun mal die Fetzen. Für mich hätte es keinen besseren Start geben können, denn die Punker aus Kanada waren die allererste Band, die ich früher aktiv gehört habe und dementsprechend lange bestand auch der Wunsch, sie live zu sehen. Und ich wurde definitiv nicht enttäuscht! Entgegen der Befürchtung, Derycks Gesangskünste könnten live nicht ganz so überzeugen, klang alles wunderbar und ich konnte sämtliche Lyrics aus dem Unterbewusstsein rauskramen, um ungehemmt mitzusingen. Nur das Cover von We Will Rock You war sehr unnötig, da wäre noch ein Sum 41-Klassiker die bessere Wahl gewesen.

Olli Schulz war dann der nächste Stop in meinem vollgeplanten Line Up. Und wenn das Konzert schon mit den Worten „Hallo, ich bin Kollegah und das hier ist die Olli Schulz-Transformation. Ich mache euch fertig in 4 Wochen“  beginnt, kann es nur genial werden. Wie erwartet führte Olli mit viel Charme und Witz durch die Show und zeigte wieder mal aufs Neue, was für ein Vollblutmusiker er ist. Jeder Song kam von Herzen (Stichwort: Große Gefühle!). Es war auch wunderschön mitanzusehen, wie er sich über seine Band freute, die ihn für seine Festivalshows begleitete und bekannte Gesichter wie Gisbert zu Knyphausen und Kat Frankie enthielt. Für seinen letzten Auftritt in diesem Jahr ließ sich Olli sogar am Ende zu einer ganz besonderen Zugabe hinreißen und spielte Verhaftet Wegen Sexy (zumindest die Strophen, an die er sich erinnern konnte).

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Heavy, Heavier, Heaven Shall Burn \m/

Die restlichen Bands des Tages kamen danach Schlag auf Schlag. In großem Sicherheitsabstand zu möglichen Moshpit- Spots konnte ich die schon so oft verpassten Heaven Shall Burn genießen. Das ist noch Metalcore, wie er sein soll! Keine weichgespülten Cleanparts von Tanktop-Kiddies mit eingeklemmten Eiern, kein Mainstream-Pleaser-Techno-Geballer. Nur klasse Riffs, harte Screams und eine fette Show (mit Pyros zum Einstimmen auf Rammstein wuhuuu). Man könnte schon von einem ordentlichen Abriss sprechen, wenn wir wenige Stunden später nicht eines besseren belehrt worden wären.

Doch zuvor kamen erstmal Limp Bizkit und die größte Enttäuschung des ganzen Festivals. Fred Durst war gefühlt higher als Don Bilbo auf Wacken („Who of you doesn’t speak german?“ „Do you like Schnitzel?“) und die Show mutierte mehr und mehr zu „Limp Bizkit covert sich munter durch die halbe Rockgeschichte“. Nirvana, Metallica – Das kann doch nicht deren ernst sein? Und dann bringen sie noch solche Späße wie „Turn Down For What“ komplett aus der Konserve und in voller Länge. Moment, war der Song schon immer von denen? Hmmn. Einzig die wenigen Originalsongs konnten dann bei mir die Stimmung einigermaßen retten.

Aber dann kam er. Der Einzige, der einzig wahre Spaß-Messias: H.P. fucking Baxxter alias SCOOTER! Vom ersten Knall des Intros bis zum letzten Ton vom Abschlussknaller Hyper Hyper – Die gesamte Menge gab zero Fucks auf Guilty Pleasure und ravete, als ob es kein Morgen gäbe. Was zunächst ganz unter dem Motto „Nur Hits!“ stand, wurde bei ca. 3/4 der Show durch H.P. selbst neu betitelt und zum geflügelten Spruch des gesamten Wochenendes: „Ab jetzt nur noch Abriss!“. Ja wie, was war dann das davor? Er war zwar kein offizieller Headliner, jedoch sang, hüpfte und feierte sich Scooter schnell zum Headliner der Herzen. Der Spirit lag zumindest auch die weiteren Tage noch in der Luft, wenn man beispielsweise von irgendwo ein gegröltes „Oi, Oi, Oi fucking Oi“ vernahm.

Samstag: Rammster und die Flunkylympics

Der Samstag lässt sich eigentlich recht schnell zusammenfassen. Nach dem üblichen Programm aus Aerobic und Großen Gefühlen stand das sportliche Großereignis des Jahres auf dem Plan: Die Flunkylympics. Ein Flunkyball-Turnier epischen Ausmaßes, das seinesgleichen sucht. Sechs ausgeloste Teams tranken sich ehrgeizig unter knallender Sonne von Match zu Match. Es wurden Tränen und Biere vergossen, während die Spannung mit jedem laut geforderten „Strafbier!“ wuchs. Letztendlich musste das Turnier aber vor dem Halbfinale pausiert werden, da man ja auch noch ein paar Bands sehen wollte (und ganz bestimmt nicht wegen so etwas wie Biermangel!). Leider konnten die Flunkylympics am nächsten Tag nicht fortgesetzt werden, weshalb sich alle Halbfinalisten den ersten Platz teilten. Beim Flunkyball gibt es sowieso nur Gewinner, denn schließlich werden alle mit hohen Zahlen im Promillespiegel belohnt.

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Ja wat denn nu?

Diese führten aber auch dazu, dass ich viele geplante Bands (Caliban, Eagles Of Deathmetal) nur vom Camp und meinem Campingstuhl aus erleben konnte. Dafür stellte ich mir zusammen mit den anderen die wirklich wichtigen Fragen des Lebens: Wer ist der bessere Headliner? Rammstein oder Scooter? Dass so eine Entscheidung die Geister spaltet versteht sich von selbst. Deshalb einigte man sich schließlich um den Frieden zu wahren auf ein klares „Beide!“. Schnell kam die Idee einer Fusion auf und die Suche nach einem passenden Namen begann. Scootstein? Rammster? Egal, Hauptsache Abriss!

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Bisschen windig bei Royal Republic

Die erste Band, für die ich mich mühsam aus dem Stuhl quälte, war Royal Republic. Gute Laune ist mit den Schweden garantiert und so wurde ich bald wieder fit. Es folgte ein Hit auf den anderen und auch die Songs von der neuen Platte konnten live auf jeden Fall überzeugen. Nach diesem Auftritt gehören die Jungs definitiv zu meinen persönlichen Top Ten der Lieblingsbands.

Airbourne und NOFX wurden dann wieder gemütlich von Weitem aus betrachtet. Während man bei Ersteren nur auf eines wartete („Klettert Joel endlich?“) lieferten NOFX den nächsten Evergreen des Festivals: „Don’t Call Me Scheiß„, eine kleine Modifizierung ihres Songs „Don’t Call Me White„. Um rechtzeitig für Rammstein auf dem Platz zu sein, hat man sich dann kurz was zum Essen gegönnt und zu Annenmaykantereit gestellt. Wie erwartet wäre ich dort beinahe eingeschlafen, da ich mich schon auf dem Modular Festival in Augsburg von der schlichten Langweiligkeit der Band überzeugen konnte. Immer das selbe First-Student-Problems-Geweine und die Stimme von Henning May reißt das auch nicht mehr rum.

Umso mehr das Ruder rumgerissen haben dafür Rammstein. Endlich, endlich durfte ich sie live erleben und es war genau so, wie ich es mir erträumt habe. Na gut, zwar nicht mit einem ganz so guten Platz (Die an sich gute Sicht wurde durch einen Kameraklotz genau mittig eingeschränkt), aber so vong Show her genial. Genug Pyro-Effekte trotz deutschen Sicherheitsvorschriften, geile Inszenierung und 1A Sound. Und dank dem vollen Körpereinsatzes eines Kumpels durfte ich spontan sogar die komplette Länge von „Ich Tu Dir Weh“ auf seinen Schultern über den Köpfen der Leute genießen. Muss auf jeden Fall sehr lustig ausgesehen haben, das Mädel neben mir auf den Schultern ihres Freundes hat zumindest grinsen müssen.

Sonntag: Im Zweifelsfall immer Riesenrad

Immer wieder Sonntags, kommt die Er…schöpfung. Oder so. Auch auf dem Highfield verlief der letzte Tag standardmäßig ab. Der Körper stößt langsam an seine Grenzen („Ich werde zu alt für den scheiß!“) und die Motivation abzufeiern verschwindet genauso wie de ersten Leute aus dem Camp, die am nächsten Tag arbeiten oder aus anderen Gründen früh aufstehen müssen. Dementsprechend lief auch nicht mehr so viel. Bandtechnisch hat man noch das Ende von den Arkells angeguckt, die durchaus cool waren, und hat dann sich dann für Thrice positioniert. Obwohl ich die Band nicht wirklich auf dem Zettel hatte, wurde ich sehr positiv überrascht. Wunderbarer Post-Hardcore mit einigen richtig guten Songs, Wiedererkennungswert und teilweise echt starken mehrstimmigen Parts. So gefällt mir das! Sänger Dustin betonte zwar ständig, dass er erkältet sei und entschuldigte sich für etwaige schräge Töne, aber ich konnte nichts bemängeln und fragte mich die ganze Zeit, wie gut er dann erst bei voller Gesundheit klingen würde.

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Da real MVP: Der BÄR

Bevor ich über die nächsten Bands schreibe, möchte ich an dieser Stelle eine ganz besondere Person erwähnen. Ladies and Gentleman, eine Runde Applaus für den BÄREN! Er war nicht nur unser Maskottchen und Schutzpatron, der über das Camp gewacht hat, sondern eine Konstante im kontinuierlichen Rausch, ein Kamerad, kurz: ein Freund. Niemand hat sich so wegeskaliert wie er, der stets mit schelmischem Blick sein nächstes Bier geext hat und vollkommen mitgenommen zu Bonaparte vor die Bühne mitgenommen wurde. Rock in Peace, wir werden dich niemals vergessen.

Bonaparte an sich war dann auch wie erwartet schräg und unterhaltsam, funktioniert mit seiner Show aber vermutlich abends oder im Club um einiges besser. Bloc Party haben zumindest alles richtig gemacht. Nicht mehr wegzudenken aus der Szene und schon zur Helene Fisher des Indie mutiert, gibt es immer (Bloc)Party (höhö), wo sie auftreten. Klassiker wie „Flux“ oder „Helicopter“ funktionieren immer noch einwandfrei und bringen die Meute zum Tanzen. Auch cool: den Verzerrer an der E-Gitarre von Russel Litsack zu sehen, mit dem die Synthie-Effekte vom neuen Album erzeugt werden. Nettes Ding.

Eine Fahrt mit dem Riesenrad ist eigentlich auch immer ein Muss und so fanden wir uns bald hoch oben über dem Highfield und konnten so sowohl die letzten Züge von Madsen mitnehmen als auch den Anfang von Wolfmother. Die Qual der Wahl wurde also mal wieder elegant durch den Kirmes-Kompromiss gelöst. Wolfmother wurden dann auch noch zurück auf dem Boden der Tatsachen weitergeguckt, bis mich meine volle Blase von dem Top-Auftritt hinfortzog.

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Letzter Act und krönender Abschluss dieses unfassbaren Festival-Wochenendes waren Deichkind, die zwar mit 90% der selben Show, die ich schon letztes Jahr auf Rock Im Park gesehen hatte, aber dem gleichen Abriss nochmal ordentlich für Stimmung sorgten (Krawall und Remmidemmi usw.).

Montag: Zeltplatz #Dresden45

Aufstehen. Zusammenpacken. Heimfahren. Umfallen. Fertig.

Halt, da fehlt noch was!

Ein riesengroßes Danke geht raus an all die wunderbaren Menschen (und Papptiere), mit denen ich diese Tage verbringen durfte. Beschtes Camp wo gibt! Dieses Festival wird mir für immer in Erinnerung bleiben und nur seeeehr schwer zu toppen sein. Bis zum nächsten Mal.

 

Bonus:

Olli Schulz und seine Konfettikanonen

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