Liebes Tagebuch,

du wirst es wie die meisten schon mitbekommen haben: Das Southside Festival ist wortwörtlich abgesoffen und war deshalb in diesem Jahr extrem kurz. Ist ja nicht so, dass ich mich schon das ganze Jahr nur auf diese paar Tage gefreut hätte. Stattdessen gabs grollenden Donner statt brummendem Bass, schmatzenden Matsch statt klatschende Hände. Dabei sah am Donnerstag noch alles nach dem perfekten Festival-Wochenende aus…

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Über den Donnerstag gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Meine Crew und ich haben uns mit der Anfahrt im altbewährten Renault-Transporter zwar etwas zeitlich verschätzt, konnten den Stau vor dem beschaulichen Neuhausen ob Eck aber geschickt durch den wohl besten Shortcut umgehen, den man sich vorstellen kann (und der genau aus diesen Gründen nicht genauer verraten wird). Nach langem Anstehen an der Bändchenausgabe ging es dann ans Aufbauen, das neben der Special-Abkürzung das nächste Highlight bot: Viele Meter weit über unseren Köpfen zog ein einsames Wurfzelt gekonnt seine Kreise und ließ wohl irgendwo einen Feierwütigen obdachlos und mit einem verdammt beschissenen Tag zurück.

Unter knallender Sonne und mehreren Trips vom Auto zum Zeltplatz und wieder zurück konnten wir später verschwitzt und erschöpft das erste wohlverdiente Bier im errichteten Camp zischen und den Einweggrill anschmeißen. So ließ es sich gemütlich in die Nacht hinein chillen, bis die Augen dann doch irgendwann zufielen und man sich voller Hoffnung auf den morgigen Konzertstart in den Schlafsack mummelte.

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Der Morgen verlief im Großen und Ganzen auch gewohnt ab. Ich konnte als einziger einigermaßen durchschlafen, da ich meine Lärmtoleranz durch Bauarbeiten und schreiende Kinder um 7 Uhr morgens schon Monate vorher ungewollt trainiert habe. Nach mehreren Dosen  Frühstück zu den wohligen Klängen unserer Trash-Mixtapes verflog die Zeit, bis es dann endlich aufs Festivalgelände ging.

Noch schnell ein Shirt mit Line-Up auf dem Rücken gekauft („Look at all the bands i couldn’t watch!“) und schon ging’s los mit den raubeinigen Norwegern von Kvelertak. Harte Kerle, harte Töne und harte Sonnenbrandgefahr – Ein Konzert für echte Männer. Der Testosterongehalt in der Sommerluft war jedenfalls enorm hoch, als die Musikwikinger mit ihrem Mix aus Hardcore Punk, Rock ’n‘ Roll und Black Metal losbretterten.

Danach gings weiter zu Balthazar. Und ich muss sagen, die Indie-Truppe klingt live gleich nochmal eine ganze Ecke geiler. Guter Sound, gut eingesetzte Lichtshow und von Anfang bis Ende eine spitzen Stimmung im Zelt der Red Stage. Allein die Violinenparts von Patricia Vanneste im einsamen Scheinwerferlicht – Ein Traum.IMG-20160704-WA0005

Es folgte eine kurze Pause, um mein Wasser nachzufüllen und für einen Song von Skindred stehen zu bleiben (war ganz nett). Das reichte mir dann aber schon und ich machte mich wieder zurück, um Bear’s Den nicht zu verpassen. Eigentlich nur als Lückenfüller bzw. „Kann man angucken, muss man aber nicht“-Band eingeplant, wurden die bärtigen Briten zu meinem absoluten Highlight des viel zu kurzen Wochenendes. Die ruhigen Songs haben live eine so mitreißende Wirkung, dass ich an der einen oder anderen Stelle wirklich eine Träne verdrücken musste. Irgendetwas hat mich einfach gepackt und nicht mehr losgelassen. Ein unglaublich schönes Erlebnis, bei dem am Ende gleich noch ein wenig über den Brexit abgelästert wurde („We’re coming all the way from London and it’s a very strange day to play here“).

Als die ersten Töne vom Irish Rock der Flogging Molly Truppe auf der Green Stage erklang, fielen dann auch die ersten Tropfen, die recht bald zu einem ordentlichen Platzregen bei schönstem Sonnenschein anwuchsen und zu einer merkwürdigen, aber passenden Stimmung beitrugen. Die Menge tanzte und ließ die Ponchos und Gummistiefel fliegen, während die Band sich das Wetter zu eigen machte und Irland-Klischees bediente („Did you really expect it wouldn’t rain when we play?“).

Die Wolken wurden aber mit jedem Song dichter und der Regen stärker und so überaschte es nicht, dass die Konzerte abgebrochen und alle zu ihren Autos geschickt wurden. Nach einem kurzen Umweg über den Zeltplatz („Ach, ist doch gar nicht mehr so schlimm!“ „Guck, das wird schon wieder schwächer!“) sind wir dann missmutig über den Abbruch am Auto angekommen. Und wie sich herausstellen sollte gerade noch rechtzeitig, denn keine 10 Minuten später rollte eine pechschwarze Wolkenwand mit tiefem Grollen heran.

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Mit einem Mal schüttete es nicht nur wie aus Eimern, sondern eher schon ganzen Swimmingpools, die sich dann auch in braun-matschiger Variante auf dem Parkplatz bildeten. Währenddessen wurde im Radio der Tipp durchgegeben, dass man seinen Warnblinker anschalten solle, um umherirrenden verlorenen Seelen zu signalisieren, dass man noch ein warmes Plätzchen im Vehikel frei hat. So wurden auch wir zum Leuchtfeuer der Barmherzigkeit und nach und nach füllte sich die Arche Sosi, sodass wir bei stetem Kommen und Gehen immer um die 14-15 Leute im Bus waren. Wenn es nicht so verdammt geschüttet hätte, hätte man also eine komplette Fussballmanschaft inklusive Ersatzspieler, Schiri und Jogi-Imitator gehabt, der sich ab und zu mal an bestimmten Stellen kratzt und dann die Hand einem Duftcheck unterzieht (für die authentische Atmo).

Während draußen die Welt unterging und die Situation alles andere als lustig war, machte unsere Schicksalsgemeinschaft das beste aus der Sache und erfuhr bei diversen Kennenlernrunden und unserem typischen dummen Geschwätz so einiges aus allen Ecken Deutschlands. Jede neue Gruppe wurde liebevoll begrüßt und nach dem Wohlbefinden befragt („Habt ihr Bier dabei?“). Als die Stunden vergingen und man auf positive Nachrichten hoffte, teilten wir unsere letzten Nahrungsreserven mit unseren Leidensgenossen, die wir waghalsig um 3 Uhr nachts vom Campingplatz sichern konnten und stiegen damit endgültig zu den Helden des Parkplatzes und barmherzigen Festival-Samaritern auf. Eine ordentliche Portion gutes Karma war uns sicher.

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Doch auch das dickste Karma-Konto bringt leider nichts, wenn Petrus, Thor oder einer der anderen Sadisten da oben mit seinem Treiben und einem freundlichen „Fuck You“ weitermacht und so kam dann um 5 Uhr früh die Nachricht, die 50.000 Festivalbesuchern das Herz brach: Das Southside 2016 muss komplett abgesagt werden, da ein geregelter Ablauf nicht mehr gerechtfertigt sei.

Als der Regen nachließ, löste sich unsere Familie auf Zeit auf  und unsere vierköpfige Augsburg-Crew stapfte müde, kaputt und geknickt Richtung Zelte. Es war ein Trauermarsch, bei dem sich uns ein Bild der Verwüstung bot.

IMG-20160704-WA0000Zum Glück hatte unser Camp wie wir dem Wetter getrotzt und war fast vollständig unversehrt geblieben. Lediglich unseren (neuen!) Pavillon hat es erwischt und das nicht mal aufgrund der eigenen Qualität. Er hätte das Unwetter vermutlich unbeschadet überstanden, wenn nicht ein anderer Schattenspender direkt in unseren geschleudert worden wäre, was den Zusammenbruch letztendlich bewirkt hat. Gut, da kann man nichts machen und da sowieso das Wochenende inklusive der Stimmung im Eimer war packten wir unsere Habseligkeiten zusammen, opferten die Überreste dem Wettergott für ein besseres 2017 und zogen mit wehmütigen Blicken vondannen. Falls es euch interessiert, wie abgrundtiefe Enttäuschung aussieht – Bittschön:

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Trotz allem muss man der Festivalleitung zugute halten, dass sie die einzig richtige Entscheidung getroffen und ein absolut vorbildliches und gut durchgeführtes Krisenmanagment an den Tag gelegt hat.  Man hat eben viel von den Erlebnissen beim diesjährigen Rock am Ring gelernt.

So bleibt einem jeden Falls nichts anderes übrig, als auf das nächste Jahr zu warten und zu hoffen, die  Bands, auf die man sich gefreut hat, irgendwann und irgendwo anders zu erwischen. Bei mir gehen deshalb alle Hoffnungen Richtung Highfield, bei dem ich zumindest Rammstein, Deichkind, Bloc Party und Royal Republic nachholen kann. Also lieber Wettergott, mach ja keinen Scheiß! Ich warne dich!

*Bonus* Mein komplettes Southside Line-Up auf einem Bild:

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Ein Gedanke zu “Mein Southside-Tagebuch – oder: Himmel, Arsch und Wolkenbruch

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